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Dienstag, 17 Juli 2018 11:22

Ist die britische Wirtschaft fit für den Brexit?

Written by  Anastassija Tolstuchina, Redakteurin von „Internationales Leben“

Die formellen Scheidungsgespräche zwischen dem Vereinigten Königreich und der Europäischen Union laufen auf Hochtouren, auch wenn die irische Grenze ein Stolperstein bleibt. Der jüngste Fortschritt wurde beim EU-Gipfel am 28. bis 29. Juni erzielt, als die Staats- und Regierungschefs der 27 in der EU verbleibenden Länder eine Erklärung zum Brexit annahmen. Doch viele Fragen hängen noch immer in der Luft. Eine davon ist, ob die britische Wirtschaft bereit für den Brexit ist: Das kontinentale Europa ist ja der wichtigste Handels- und Investitionspartner des Vereinigten Königreichs. Im Jahr 2017 sind 45 Prozent der britischen Warenexporte und 54 Prozent der Importe auf die Europäische Union entfallen [1].

Der ökonomische Aspekt des Brexits war das Thema eines runden Tisches Europa-Institut der Russischen Wissenschaftsakademie in Moskau, an dem führende russische Großbritannien-Forscher teilgenommen haben.

Die britische Wirtschaft entwickelte sich bis Mitte 2016 relativ gut, das Wirtschaftswachstum war höher als bei vielen der europäischen Konkurrenten. Doch schon 2017 kam es zu einem Abschwung: Die Wirtschaftsleistung Großbritanniens wuchs um nur noch 1,8 Prozent und damit am schwächsten seit 2012. Im laufenden Jahr erwarten Experten eine Wachstumsrate von höchstens 1,4 bis 1,5 Prozent. 

Der wirtschaftliche Abschwung lässt die Steuer- und Exporteinnahmen Großbritanniens schrumpfen wie auch die Investitionen aus dem Ausland. Eine vergleichsweise hohe Inflation kommt hinzu. Laut Jefim Chessin, dem leitenden wissenschaftlichen Mitarbeiter am Zentrum für europäische Studien des Instituts für Weltwirtschaft und internationale Beziehungen der Russischen Wissenschaftsakademie, sorgt der angestiegene Ölpreis über teurere Importe für den Preisauftrieb auf der Insel. Als Folge wachsen auch die Konsumausgaben schwächer (gerade sie waren in den letzten Jahren die Triebfeder der britischen Wirtschaft). 

Unter diesen schwierigen Bedingungen haben die oberste regulierende Behörde (Bank of England) und die britische Regierung ihren Wirtschaftskurs korrigieren müssen, konstatiert Professor Chessin. Dabei sei die Entwicklung der Realwirtschaft in den Vordergrund gestellt worden, wie die neue, im November 2017 beschlossene Industriestrategie deutlich mache. Ihr erklärtes Ziel bestehe darin, Großbritannien bis zum Jahr 2030 in eine der wichtigsten Innovationsmächte der Welt zu verwandeln. Um dies zu erreichen, müsse eine ausgewogene Wirtschaft aufgebaut werden, die sich mehr auf Lean Management, private Investition, Export und Realwirtschaft stützt. Darüber hinaus müsse die Abhängigkeit der Wirtschaft von Staats- und Konsumausgaben und vom Dienstleistungsbereich (in erster Linie vom Finanzsektor) verringert werden.

Könnte der Brexit zu einem Zusammenbruch der britischen Wirtschaft führen? „Für mich stellt sich diese Frage gar nicht“, sagt Chessin. „Denn ich denke, dass in der Welt von heute keine Wirtschaftsmacht einfach zusammenbrechen kann“.

Auch Anatoli Baschan, Ressortleiter Ökonomische Studien am Europa-Institut der Russischen Wissenschaftsakademie, ist überzeugt: Selbst der für den 29. März 2019 geplante „harte“ Brexit wird für die britische Wirtschaft keine katastrophalen Folgen haben. Dass das britische Bruttoinlandsprodukt (BIP) 2017 um 1,8 Prozent gewachsen ist, zeige, dass der Brexit die Wirtschaftssituation im Land nicht entscheidend beeinflusse, argumentiert der Forscher.

Eine der negativen Folgen der Trennung von der EU könnte laut Baschan eine „Desorganisation“ der Handelsbeziehungen sein, denn Großbritannien müsste umgehend 27 Handelsabkommen mit den verbliebenen Mitgliedstaaten abschließen, aber das würde dauern. Darüber hinaus könnte die EU die Zölle erhöhen, sagt der Experte. An eine wesentliche Erhöhung glaubt er aber nicht, denn hohe Einfuhrzölle gehören nicht zu den Gepflogenheiten der EU.

Im Gegenzug werde Großbritannien vom EU-Austritt in vielerlei Hinsicht profitieren, so Baschan weiter. Erstens müsste es nicht mehr zum EU-Haushalt beitragen. Zweitens bekäme Großbritannien die Möglichkeit, durch Erhebung von Zöllen auf Waren aus der EU die eigene Handelsbilanz zu regulieren.

Einer der Hauptfaktoren, der Großbritannien zum Brexit veranlasst habe, sei das chronische Handelsbilanzdefizit des Landes mit der übrigen EU gewesen, sagt der Forscher. Mit anderen Worten: Die Briten können dem Wettbewerb mit anderen Teilnehmern des gemeinsamen Marktes nicht standhalten. Ihre Importe übersteigen die Exporte, der Negativ-Saldo nimmt laut Eurostat von Jahr zu Jahr zu. Das britische Handelsdefizit, das 2007 noch rund 52,9 Milliarden Euro betragen hatte, stieg zum Jahr 2015 auf ganze 118,2 Milliarden Euro. Den „natürlichen“ Ausweg sieht Baschan in den traditionellen und bewährten Maßnahmen: Regulierung des Währungskurses und Einführung von Schutzzöllen, um die britische Wirtschaft vor einem offenen Wettbewerb zu schützen. Doch zu diesen Maßnahmen könne London nur dann greifen, wenn es nicht mehr EU-Mitglied sei.

Besonders akut ist für Großbritannien die Gefahr, dass der Brexit das Investitionsklima belastet. Laut Experten könnten sich führende transnationale Finanzunternehmen aus der Londoner City zurückziehen und nach Franfurt oder in andere Finanzstandorte außerhalb der EU (etwa in Asien) anwandern. Wie die russische Tageszeitung „Nesawissimaja Gaseta“ berichtet, haben Airbus, BMW und andere Konzerne von der britischen Regierung mehr Klarheit bei den Brexit-Gesprächen gefordert und andernfalls mit einem Weggang aus dem Vereinigten Königreich gedroht. Ihr Umzug würde der britischen Wirtschaft Milliarden von Investitionen entgehen lassen und das Land auch Tausende Arbeitsplätze kosten [2].

Laut Alexej Kusnezow, Vizedirektor des Nationalen Primakow-Forschungsinstituts für Weltwirtschaft und internationale Beziehungen der Russischen Wissenschaftsakademie, waren die ausländischen Direktinvestitionen in Großbritannien das ganze Jahr 2016 rückläufig. Hatte ihr akkumuliertes Volumen zu Beginn des Jahres 1,89 Billionen US-Dollar betragen, waren es gegen Ende des vierten Quartals nur noch 1,61 Billionen Dollar. Die akkumulierten Portfolioinvestitionen schrumpften im besagten Zeitraum von 4,23 Billionen Dollar auf 3,75 Billionen Dollar. Immerhin fiel der Rückgang der ausländischen Investitionen geringer aus als die Abwertung des britischen Pfunds, dessen Wechselkurs 2016 von 1,48 auf 1,23 US-Dollar je Pfund sank. Deshalb können die bereits vollzogenen Veränderungen nach Ansicht des Forschers aber nur schwer beurteilt werden, weil die statistischen Daten zum Volumen der akkumulierten ausländischen Direktinvestitionen von einer Vielzahl von Faktoren (darunter auch von Wechselkursschwankungen) abhängen.

Trotz der Alarmstimmung unter den ausländischen Investoren war die Mehrheit der Experten am runden Tisch in Moskau optimistisch über die Zukunft des Investitionsklimas in Großbritannien nach dem EU-Ausstieg. Bei der Diskussion über den Einfluss des Brexits auf die grenzübergreifenden Kapitalströme gab sich Professor Anton Nawoj von der Finanzuniversität bei der Regierung der Russischen Föderation überzeugt, dass London auch weiterhin ein attraktiver Standort für die ausländischen Investoren sein werde. Zur Begründung verwies er darauf, dass die Anleger in Großbritannien gut aufgehoben seien: Sie würden weder an fremde Regierungen ausgeliefert noch mit übermäßigen Kontrollen terrorisiert. Auch die dortigen Anforderungen an die Herkunft des Kapitals seien nicht allzu streng. Dem Experten zufolge erfüllt London damit alle Voraussetzungen als sicherer Hafen für Kapitalanleger nicht nur aus Russland, sondern auch aus der Dritten Welt: Südostasien und Afrika.

Anton Nawoj räumt ein, dass sich die Haltung der Investoren zum Finanzplatz London nach der Brexit-Ankündigung zuerst etwas verändert habe. „2016 war die schwierigste Zeit für das Finanzkonto der Zahlungsbilanz Großbritanniens“, konstatiert der Experte. „Damals haben die Kunden nämlich fast eine halbe Billion Dollar aus britischen Banken abgezogen. Doch schon in der zweiten Jahreshälfte 2016 und Anfang 2017 setzte eine Erholung ein. Jetzt zieht die englische Wirtschaft immer mehr Direktinvestitionen an. Mehr noch: Englische Banken konnten durch Mobilisierung von Ressourcen nicht nur ihre Kreditvergabe an die übrige Welt, sondern auch ihre ausländischen Investitionen aufstocken“.

Anton Nawoj glaubt, dass die Finanzintegration Großbritanniens mit Europa trotz des formellen Ausstiegs Londons aus dem ältesten und effektivsten Wirtschaftsbündnis weitergehen werde, denn sie trage den Tendenzen der modernen Regionalisierung am besten Rechnung.

Der Brexit ist noch nicht Realität, Großbritannien und die EU haben ihren Deal noch nicht geschlossen. Wann sie das tun, ist noch unklar, denn das Problem Irland-Grenze bleibt immer noch ungelöst. Deshalb kann man Alexej Kusnezow, Vizedirektor des Nationalen Primakow-Forschungsinstituts für Weltwirtschaft und internationale Beziehungen der Russischen Wissenschaftsakademie, beipflichten, der meint, dass solange die genauen Konditionen der „Scheidung“ unklar seien, die Folgen des Brexit (darunter auch die wirtschaftlichen) nur in Form von Prognosen und wahrscheinlichen Szenarien analysiert werden könnten.

[1] https://researchbriefings.parliament.uk/ResearchBriefing/Summary/CBP-7851

[2] http://www.ng.ru/world/2018-06-26/1_7252_britannia.html

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