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Dienstag, 05 Dezember 2017 20:12

Iran: Die Krux mit den neuen Waffen

Written by  Wladimir Saschin, leitender wissenschaftlicher Mitarbeiter am Orientalistik-Institut der Russischen Akademie der Wissenschaften, Kandidat der historischen Wissenschaften

 

Irans militärische und politische Führung erklärt immer wieder, dass die Militärmacht des Landes wachse und dass das nicht zuletzt auf die Indienststellung modernster Hightech-Waffen aus Eigenproduktion zurückzuführen sei.

Bei einem Treffen mit der Leitung der Marine sagte Irans geistliches Oberhaupt und oberster Befehlshaber Ajatollah Ali Chamenei, dass der Aufbau einer starken Kriegsflotte zu den „Prioritäten“ des Landes gehöre.

Marinechef Hossein Khanzadi wurde konkreter: Der Iran sei „am Bau eines Flugzeugträgers interessiert“ und behalte sich das Recht vor, sich eine atomgetriebene Unterwasserflotte anzulegen – „zur Abschreckung“. Was steckt hinter diesen Erklärungen?

Zuerst stellt sich die terminologische Frage: Sind Flugzeugträger und Atom-U-Boote überhaupt den Abschreckungsmitteln zuzuordnen? Und die zweite Frage ist: Ist der Iran technisch und technologisch in der Lage, nukleargetriebene Flugzeugträger und U-Boote sowie andere komplexe Waffen zu bauen?

Ende November kündigte der iranische Heereschef Kiomars Heidari an, die Armee des Landes werde noch bis Ende des laufenden iranischen Jahres 1396 (das heißt, bis zum 20. März 2018) einen modernen Kampfpanzer des neuen Typs Karrar (dt: der „Angreifende“ bzw. der „Mutige“) in Dienst stellen. Der General lobte den Karrar als „sehr gut, leistungsfähig und ideal“ und teilte mit, dass der neue Panzer bereits bei Militärmanövern erprobt worden sei.

Der Panzer ist wirklich neu. Seine offizielle Vorstellung fand am 12. März dieses Jahres statt, aber erste Informationen waren bereits im August 2016 in die Öffentlichkeit gesickert. Das russische Militärmagazin Topwar setzte sich mit den technischen Besonderheiten des neuen iranischen Kampffahrzeugs auseinander. Seine wichtigste Schlussfolgerung: Der Karrar-Panzer sei eine „in Lizenz gebaute Kopie des russischen Kampfpanzers T-90MS“. Dabei räumte die Zeitschrift ein, dass die Kopie nicht hundertprozentig sei.

Ihre neuen Waffen stellt die Islamische Republik nicht nur in schön geschmückten Ausstellungshallen vor, sondern auch im Feld: bei militärischen Übungen. An der zweitägigen Luftwaffenübung „Fadaeeyane Harime Velayat 7“, die im November stattfand, waren Dutzende Kampfjets, Transportflugzeuge sowie Aufklärungsmaschinen, Tankflugzeuge und Drohnen beteiligt.

Erstmals kamen präzisionsgelenkte Fliegerbomben zum Einsatz. Diese wurden von einem  F-7-Jagdflugtzeug abgeworfen, wie Luftwaffensprecher Massoud Rouzkhosh iranischen Medien mitteilte. Jede dieser Bomben, die auch als intelligente („smarte“) Munition bezeichnet werden, ist mit einem Lenkungs- und Zielsuchsystem ausgestattet. Die Lenkung erfolgt per Fernsehen, Laser oder per Satellit. Diese Ausrüstung ist ziemlich kompliziert und teuer und dabei für den einmaligen Gebrauch bestimmt.

Die präzisionsgelenkten Bomben gehören zu den wirksamsten Flugzeugwaffen. Mit ihnen können sowohl Bodenziele als auch Ziele auf der Wasseroberfläche bekämpft werden. Sie vereinen die zerstörerische Kraft der Freifallbomben und die Präzision der Luft-Boden-Lenkraketen in sich. Ihre Einsatzergebnisse in Kriegen und lokalen Konflikten zeigen: Diese Bomben lassen sich als hochpräzise Luftmunition einstufen.

Aber auch der Preis ist mit mehreren Zehntausenden US-Dollar pro Stück ziemlich hoch.

Der Luftwaffenchef der Islamischen Revolutionsgarde, Amir-Ali Hajizadeh, sagte unlängst, der Iran verfüge über Zehn-Tonen-Bomben aus Eigenproduktion, deren Sprengkraft die der stärksten nicht-nuklearen Waffen der USA übertreffe. Diese Art der Munition bezeichnete General Hajizadeh als den „Vater aller Bomben“, angelehnt an die US-amerikanische Superbombe GBU-43, die auch „Mutter aller Bomben“ genannt wird. Die GBU-43 haben die amerikanischen Streitkräfte im April in der ostafghanischen Provinz Nangarhar gegen einen Tunnelkomplex der Terrormiliz Daesh (auch Islamischer Staat, IS) eingesetzt. Kein Zweifel, dass auch diese Munition extrem teuer ist.

Doch es sind weder die USA noch der Iran, die die sprengkraftstärkste konventionelle Bombe haben, sondern Russland. Laut Medien, die sich auf den Generalstab in Moskau berufen, ist die stärkste nicht-nukleare russische Bombe zwar leichter als das US-Pendant, jedoch viermal so stark und in der Lage, eine 20-fach größere Fläche zu zerstören. Wie man diese Bombe nennen soll, ob „Mutter“ oder „Vater“ aller Bomben, ist ja auch nicht so wichtig.

Was die neue Munition des Iran angeht, so muss man feststellen, dass es der iranischen Luftwaffe an Trägermitteln mangelt. Aufgrund ihrer Größe können die neuen Superbomben nicht mit Raketen ans Ziel gebracht werden. Auch Flugzeuge, die für 250-kg-Munition ausgelegt sind, werden mit den Zehn-Tonnen-Bomben kaum etwas anfangen können.

Dabei ist Irans Luftwaffenflotte hoffnungslos veraltet: Bei den Jets und F-4 und F-5 handelt es sich um amerikanische Maschinen aus den 1950ern), die F-7 ist eine chinesische Weiterentwicklung der alten sowjetischen MiG-21 aus den 1950ern und 1960ern). Die jüngsten Kampfjets F-14, Su-20, Su-24, Su-25 und MiG-29 stammen aus den 1970 und 1980ern Jahren. Hinzu kommt, dass viele der im Dienst stehenden Maschinen kampfunfähig sind.

Aber auch einsatztaugliche Flugzeuge wären in einem Kampf leichte Beute für moderne Kampfjets und die Luftabwehr eines potentiellen Feindes.

Auch wenn die iranische Rüstungsindustrie eigene Kampfflugzeuge (Azarakhsh, Saeqeh, Tazarv) produziert, liegen ihnen - wie auch dem Karrar-Panzer – ausländische Prototypen zugrunde.

Jetzt zurück zur iranischen Kriegsmarine. Wenn hochrangige Militärs und Politiker den Bau eigener atomgetriebener Flugzeugträger und U-Boote ankündigen, scheint das unrealistisch. Erst recht, wenn man die Kosten bedenkt. So hat der Flugzeugträger „USS George Bush“ Amerika 6,2 Milliarden US-Dollar gekostet. Der Preis eines Atom-U-Bootes liegt zwischen einer und 2,5 Milliarden Dollar. Der gesamte Militäretat des Iran hat 2016 nur 15,9 Milliarden betragen, das Bruttoinlandsprodukt (BIP) 412 Milliarden (Angaben von Military Balance - 2017). Nach Erkenntnissen der iranischen Nachrichtenagentur Tasnim war der Etat der iranischen Streitkräfte in den Jahren 2015 und 2016 Jahr mit etwa 9,3 Milliarden Dollar sogar noch bescheidener. Kriegsschiffe mit Atomantrieb sind ein teures Vergnügen, nicht jeder Staat kann sie sich leisten. Derzeit haben nur fünf Länder eine erstzunehmende Atom-Flotte: Russland, USA, China, Großbritannien und Frankreich. Zwei Atom-U-Boote besitzt Indien.

Doch das liegt nicht nur am Preis. Auch wenn die iranische Rüstungsindustrie ein - für ein Entwicklungsland - gutes Niveau hat, ist es auch ihr kaum möglich, die Produktion von derart komplizierten Rüstungen von Null an aufzubauen, zumindest nicht in der nächsten Zeit. Von Schiffsreaktoren, die auf 30 bis 90 Prozent angereichertes Uran als Brennstoff benötigen, ganz zu schweigen.

Darüber hinaus stehen harte Sanktionen der iranischen High-Tech-Industrie immer noch im Wege. Die Strafmaßnahmen, die die Lieferung von schweren Waffen, Militär- und Dual-Use-Hochtechnologien an die Islamische Republik verbieten, werden bis 2020 bzw. 2023 gelten. Die Restriktionen im Bereich der Atomforschung sollen laut dem Gemeinsamen umfassenden Aktionsplan („Atom-Deal“) bis 2025 bzw. 2030 in Kraft bleiben.

Für einen Durchbruch in der Rüstungsindustrie und anderen High-Tech-Bereichen benötigt der Iran die fortschrittlichste ausländische Technologie. Mit der Politik der Autarkie allein wird man nicht erfolgreich, weder in Forschung noch in Technologie noch in Finanzen.

 

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