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Freitag, 01 Dezember 2017 19:46

Regionalismus statt Nationalismus: Wie die USA Russland schwächen wollen

Written by  Wladislaw Gulewitsch, Experte der Zeitschrift „Internationales Leben“

 

In letzter Zeit rücken die Beziehungen russischer Regionen zur Zentralregierung in Moskau immer stärker in den Fokus amerikanischer Experten. Intellektuelle aus Übersee spekulieren auf soziale und wirtschaftliche Probleme einzelner russischer Provinzen und drängen auf eine Dezentralisierung.

Ihnen geht es nicht nur darum, dass russische Regionen mehr Autonomierechte erhalten sollen: Die Amerikaner wollen Russland gerne aus den Nähten der Verwaltungsgrenzen platzen lassen.

Paul Goble, einst CIA-Mitarbeiter und heute ein führender Experte der Jamestown Foundation (USA), sieht im Regionalismus die Triebkraft einer zukünftigen russischen Revolution. Er fordert, den bisherigen Nationalismus durch den Regionalismus zu ersetzen und diverse regionale Identitäten in Russland aufzubauen: eine sibirische, eine nowgorodische oder eine königsbergische (1).

Goble macht sich für die Etablierung einer unabhängigen Ural-Republik, einer Sibirischen Republik, eines unabhängigen Finno-Ugriens, eines unabhängigen Ingriens und so weiter auf dem Territorium Russlands stark. Er ist überzeugt: Vor allem durch regionalistische Projekte kann Russland destabilisiert werden.

Die Jamestown Foundation ist eine Denkfabrik, die die nationale und regionale Frage in Russland immer im Auge behält. Die Foundation formulierte unter anderem die Idee, dass bei den Einwohnern der russischen Kuban- und Don-Region eine nationale Identität der Kosaken entwickelt werden solle, bei den Einwohnern nordrussischer Regionen eine pomorische Identität, bei den sibirischen Tataren eine eigene nationale Identität und so weiter.

Warum verlagern die amerikanischen Experten den Schwerpunkt vom banalen Nationalismus auf den Regionalismus?

Erstens wirkt der Regionalismus ansehnlicher als der primitive Nationalismus. Da der Nationalismus mit der Rassentheorie und anderen beleidigenden Praktiken einhergeht, kann er schonallein deshalb bei Menschen auf Ablehnung stoßen.

Zweitens spricht der Regionalismus besser die soziale und wirtschaftliche Problematik an, die in Russland ein wunder Punkt ist. Es ist ja einfacher, regional-separatistische Stimmungen in Sibirien oder im Gebiet Kaliningrad unter dem Vorwand der Forderung nach einem ausgewogeneren wirtschaftlichen Verhältnis zu der Zentralregierung zu schüren, als eine jede Völkerschaft zum nationalistischen Separatismus aufzuwiegeln.

Drittens ist regionaler Separatismus multinational – von seinen Ideen können alle Einwohner einer Region angesteckt werden, unabhängig von ihrer nationalen Zugehörigkeit. Dies verleiht dem regionalen Separatismus einen Anschein von Legitimität und von Demokratie, so dass man ihn ruhig unter gewaltlosen Ideologien einordnen und den Zentralbehörden im Voraus alles in die Schuhe schieben kann.

Viertens lässt sich regionaler Separatismus leichter als der Radau-Nationalismus in die Protestaktivitäten der radikalen prowestlichen Opposition einflechten, weil der Radau-Nationalismus immer mit kriegerischer Rhetorik verbunden ist.

Fünftens bietet der Regionalismus einen guten Anlass, der Zentralregierung nationalen Chauvinismus vorzuwerfen. Paul Goble tut es auch. Die Wolga-Republiken möchte er unter dem Namen Idel-Ural vereinigen – als Anspielung auf die aggressiven Fantasien lokaler Nationalisten aus der Zeit des russischen Bürgerkriegs und des Zweiten Krieges, als Hitler unter den Wolga-Völkern eine nationalistische Karte auszuspielen versuchte (Idel-Ural war der Name einer Legion der deutschen Wehrmacht) (2).

Sechstens lassen sich mithilfe von regionalem Separatismus von einem Staat ganze Regionen abspalten, nicht nur Siedlungsgebiete einzelner Völker. Zum Beispiel könnten die Russen an Wolga zu den Bürgern eines unabhängigen Idel-Ural gezählt werden.

Radio Liberty hat eine ganze Reihe von thematischen Webseiten gestartet, um regionalen Separatismus in Russland zu schüren.

So malt etwa das Portal „Idel.Realii“ (dt. „Idel.Realitäten) das Leben der finno-ugrischen Völker in Russland in unerfreulichen und aussichtslosen Farben. Den Lesern wird suggeriert, dass die finno-ugrische Kultur unterdrückt werde und die Wirtschaft dahinsieche (3). Ähnlich realitätsfremd informieren die Webseiten „Donbass.Realii „Krim.Realii“ und „Sibir.Realii“.

Wenn Kultur und Sprache für eine Region kein wunder Punkt sind (wie zum Beispiel in Tatarstan oder in Baschkirien, wo die Mehrheit der Bevölkerung ihrer Muttersprache mächtig ist) und daher keinen Stoff für Spekulationen liefern, dann bringt Radio Liberty weitere provokative Themen in Umlauf: Den Einwohnern wird weisgemacht, dass die Zentralregierung in Moskau ihre Region politisch unterdrücke, ihre Macht beschneide oder gegenüber den regionalen Problemen gleichgültig sei.

Aber nicht nur die USA versuchen, den regionalen Separatismus in Russland hochzupäppeln. Medien berichteten schon mehrmals von einer „Königsbergisierung“ Kaliningrads, die mit deutschem Geld finanziert werden und nicht ohne Hilfe der Fans des „deutschen Altertums“ vor Ort erfolgen soll (4,5,6). Auch Norwegen hegt Berichten zufolge den Wunsch, der Bevölkerung des nordwestrussischen Gebietes Archangelsk eine pomorische Identität anzuerziehen.

Mitarbeiter von diplomatischen Vertretungen Polens sind bei Versuchen beobachtet worden, aus polnisch-stämmigen Bürgern in russischen Regionen eine oppositionelle Schicht auszubauen (7).

 

1)    https://www.fondsk.ru/news/2017/11/24/o-zapadnyh-zaschitnikah-regionalnyh-interesov-v-rossii-45118.html

2)    http://windowoneurasia2.blogspot.ru/2017/10/peoples-of-idel-ural-come-together-to.html

3)    https://www.idelreal.org/a/28394399.html

4)    http://newsbalt.ru/reviews/2017/01/university-konigsberg-rich-nazi-past/

5)    http://newsbalt.ru/news/2017/06/09/kaliningradskiy-minkult-profinansiroval-panegirik-koenigsbergu/

6)    http://newsbalt.ru/analytics/2017/01/hannah-arendt-lies-and-russophobia/

 

7)    http://newsbalt.ru/analytics/2016/08/poland-kuzbass-political-provocations/

 

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